Die Archetypen der Gegenwart

Die Hexe / Der Hexer

Hexe Hexer ArchetypHexen und Hexer sind das Gegenstück zu MagierInnen. Während das Werkzeug der Magier der Verstand ist, ist das Werkzeug der Hexen und Hexer ihr Gefühl.

Hexen haben von klein auf eine sehr intensive Verbindung zu allen Ebenen des Fühlens und Wahrnehmens. Für sie ist es normal, ständig mit der geistigen Welt verbunden zu sein. Ihre Wahrnehmung der Welt unterscheidet sich von der Wahrnehmung anderer Menschen.

Wenn sie durch den Wald geht, ist es für sie nur natürlich, dass Bäume und Pflanzen mit ihr kommunizieren. Wenn sie Tieren begegnet ist es für sie normal, einfach zu spüren was bei denen los ist. Wenn Probleme auftreten, hat sie regelmäßig Eingebungen, auf welchem Wege diese zu lösen sein könnten. Sie hat oft Antworten parat, die weit über ihr eigentliches Wissen hinausgehen. „Ich weiß es einfach, frag nicht woher“ ist ein typischer Hexensatz.

Genau da ist der Elefant im Raum und das größte Problem der Hexe und des Hexers.

Alles was sie im Kern ausmacht, ist in unserer bisherigen Gesellschaft stark stigmatisiert. Zeigt eine Hexe offen, was in ihr los, wird sie als gestört, verwirrt, manisch, psychisch krank, verrückt und ähnliches bestempelt. Immerhin sind die Zeiten noch krasserer Konsequenzen schon vorbei.

Das Problem ist: Ein Hexer kommt nicht mit geschulten Fertigkeiten auf die Welt. Am Anfang sind seine Schleusen der Wahrnehmung einfach offen und er nimmt alles mögliche wahr, ohne es klar zu verstehen. Das macht aber auch nichts, es kommt dem kleinen Hexer ganz normal und wie ein lustiges Spiel vor. Eine häufige Szene im Leben von kleinen Hexern ist die, dass alle Verwandten um einen verstorbenen träumen und das Kind sagt: „Hä, aber Oma steht doch da drüben!“

 

Die Herausforderungen der Hexe sind folgende:

Sie wird nach einigen Jahren ihre Wahrnehmung und Fertigkeiten verdrängen und deckeln. Zu groß ist der Konflikt zwischen ihrer Realität und dem, was ihr Umfeld ihr zu sehen erlaubt. Die meisten Hexen befinden sich in einem Zustand des Schlafes und ihre Fertigkeiten warten auf eine Lebenssituation, in der sie stark genug für ein erwachen ist. Die natürliche Reaktion auf dieses Erwachen ist der Versuch, es wieder zu deckeln. „Werde ich jetzt verrückt?“ fragt sich die Hexe dann. Jetzt hängt ihr Verlauf ganz stark von ihrem Umfeld ab.

Das 21. Jahrhundert ist das goldene Zeitalter der Hexen. Heute kann eine Hexe ihre Symptome googeln, unzählige Bücher zum Thema kaufen, Blogs dazu lesen und sich an vielen Ecken und Enden ausbilden lassen. Ich sage voraus, dass erwachte Hexen in den nächsten 50 Jahren einen unvergleichlichen Aufstieg erleben werden.

Die zweite Herausforderung ist das Schulen ihrer Fähigkeiten. Am Anfang ist da einfach nur Chaos, das eher verwirrend als nützlich ist. Es braucht Zeit, Übung und Ausbildung um aus diesem Wust erst mal etwas nützliches erschaffen zu können. Hier hängt der Verlauf wieder stark vom Umfeld ab. Dadurch, dass die Welt der Hexen so ungenügend kartograhiert ist, bietet sich da unendlich viel Spielraum für gigantischen Bullshit.
Ich will nicht wagen einzuschätzen, wie viel unglaublicher Blödsinn unter dem Deckmantel „Hexerei“ verkauft wird. Es braucht heute mehr denn je richtig gute Podcasts, Blogs und Bücher zu dem Thema, die Licht ins Dunkel bringen und Hexern eine solide und bodenständige Ausbildung ihrer Fähigkeiten ermöglichen.
Die dritte Herausforderung ist der Konflikt mit den Welten. Heute ist da auf der einen Seite die konservative Welt. In dieser hat die offene Natur der Hexe nur begrenzt viel Platz. Sie muss sich verstellen, lügen und Rollen spielen, um gut zurecht zu kommen.

Auf der anderen Seite ist da die Welt der Esoterik. In dieser sammeln sich Blödsinn, Geldgeier und Lügner und den Unterschied zu soliden Anbietern zu erkennen, ist wirklich nicht leicht.

Es fehlt ein solides Selbstbild, dem eine Hexe sich anschließen könnte. Ich kenne noch kein Lager, dass einer Hexe eine freie, gesunde und offene Identität anbietet, mit der sie ihre Fähigkeiten leben und gleichzeitig wunderbar in der Gesellschaft zurecht kommen kann – aber ich bin mir sicher, dass sich das in den nächsten Jahren ändern wird.

Es gibt viele Ausbilder, die suchende Hexen in einen Zirkel von Drama, Abhängigkeit und Ausgrenzung einladen. Manche Hexen verbringen nach solchen Ausbildung den ganzen Tag damit, sich vor irgendwelchen bösen Mächten zu schützen, über energetische Angriffe nachzudenken, jedem energetische Übergriffigkeit vorzuwerfen und so weiter. Das erzeugt ein sehr dramatisches und abwegiges Bild von Hexerei und passt eher zu der Filmfigur der buckeligen Vettel als zu dem, was die meisten Hexer und Hexen wirklich sind.

Eine erwachte Hexe, die sich erkannt hat, ihre Fähigkeiten sauber geschult und sich ihren Platz geschaffen hat, ist einfach wieder eine ganz normale Frau, oder ein ganz normaler Mann. Er oder sie hat einfach nur Zugriff auf ihr ganz eigenes Set an Fertigkeiten und Wahrnehmung, achtet vielleicht etwas mehr auf ihren Umgang und ihre Abgrenzung und nutzt ihr natürliches sein, um etwas zu tun, was ihr richtig erscheint. Aber um an diesen Punkt zu kommen, bedarf es eines weiten Weges, der noch von zu vielen Mythen, Illusionen und Gerüchten gepflastert ist.

Die übergreifende Aufgabe von Hexen und Hexern ist es, ihre Persönlichkeit und ihre Fertigkeiten sauber zu kartographieren und sie als einen normalen Teil des menschlichen Potentials zu entdecken. Wenn der ganze Schnodder endlich weg ist, steht unserer Gesellschaft damit eine riesige neue Ressource zur Verfügung, mit der sich viel gutes bewirken lässt.